2014

Eberswalde UMKREMPELN


23. – 27.09.2015

umkrempeln

Nachlese: Außennähte in Eberswalde
Im spätsommerlichen September reisten fünf KünstlerInnen auf der Suche nach Innennähten, die sich nach außen kehren, nach Eberswalde. Sie machten den Bürgerinnen und Bürgern der brandenburgischen „Waldstadt“ einen Vorschlag: „Schauen Sie einmal anders aus der Wäsche! Offenbaren Sie versteckte Qualitäten. Kehren Sie das Innere nach außen. Bekennen Sie sich zur Außennaht.“ AKKU-Arbeiten mit Alltag trat zum UMKREMPELN an und suchte Mitstreiter, um Änderungen im Kleinen zu erproben. Denn jeder weiß: Wer gleich sein ganzes Leben ändern will, kommt schnell an Grenzen. Äußere Umstände oder der innere Schweinehund liefern treffliche Gründe dafür, gute Vorsätze wieder sausen zu lassen. Selbst wer nur eine liebgewonnene Ansicht ändern möchte, merkt, wie schwierig es sein kann, diese umzukrempeln.

AKKU nahm sich also vor, mit einer einfachen Handhabung die gewohnten Abläufe für einen Moment zu unterbrechen und symbolisch etwas anders zu machen – etwas, das einem sehr nahe ist. Vier Tage durchstreife AKKU in umgekrempelter Arbeitsmontur die Stadt, ausgerüstet mit Lastenfahrrad, Fahne und mobilen Umkleidekabinen, um Menschen zu gewinnen, die Kleidung auf links zu ziehen.
Doch nicht ohne weiteres folgte Eberswalde AKKUs Vorschlag. Wer lässt sich schon gerne zu scheinbar zweckfreiem Handeln verführen? Zudem sind Vorschläge nur Ansinnen, denen nicht unbedingt zu folgen ist. So übte sich AKKU im Überreden und versuchte davon zu überzeugen, unter die buntgemusterten Frotteekabinen zu schlüpfen, um sich auf der Stelle umzukrempeln. Spontan folgten dieser Aufforderung nur wenige, einige jedoch nach wortreicher Überredung, manche nach Beobachtung anderer Krempler und andere wussten schon vorher sehr genau, dass sie sich „auf Sowas“ auf keinen Fall einlassen würden. Was alle verband, die tatsächlich den Schritt ins absurde Tun wagten, war die Überraschung, was der einfache Verwandlungsakt aus der vertrauten Ansicht macht. Aus der mobilen Umkleidekabine herausgeschlüpft („Die sieht ja aus wie die damals am Ostseestrand“!) verwandelte sich das am eigenen Leib Getragene zu einer Merkwürdigkeit aus Stoff. Zudem machte der Akt der Umstülpung an sich, gepaart mit der zuvor geleisteten Überwindung, sichtlich Freude. Und das nicht nur den Umkremplern selbst, sondern auch den umstehenden oder zufälligen Zuschauer der Kurzperformance unterm sich beulenden Frotteestoff.

umkrempeln

UMKREMPELN fand als stoffliches Experiment an einem Ort statt, der sich dem AKKU-Team bei strahlendem Sonnenschein von seiner besten Seite zeigte. Freundlich war die Stimmung an diesen Tagen in der Stadt, freundlich geprägt die meisten Kontakte. Trotzdem wurde auch spürbar, dass man sich in einer ostdeutschen Stadt befand, in der das Leben nicht immer sonnig ist. Hier, wie in allen neuen Bundesländern, hatte das Wenden als Wende bereits eine signifikante und mit vielen auch unerfreulichen Veränderungen behaftete Rolle gespielte. Stimmen wie: „Umgekrempelt wurden wir schon genug“ oder „Wie, schon wieder alles umkrempeln? Es ist doch gerade alles einigermaßen O.K.“, ließen sich in diese Richtung deuten.
Eberswalde ist auch eine Stadt, die von ihrer innovativen Hochschule geprägt ist, die das Streben zur Nachhaltigkeit bereits im Namen trägt. Nicht verwunderlich, dass man mit diesem Hintergrund womöglich auch skeptisch ist gegenüber leichtfüßigen Dingen, die nicht die ganz großen Ziele benennen.
„Wozu ist das gut? Wenn das für einen guten Zweck ist, mach ich mit. Welchen tieferen Sinn soll das haben? “ und Ähnliches bekam das Umkrempel-Team oft zu höheren und musste dann eifrig argumentieren.

umkrempeln

En passent war das UMKREMPELN schwierig. Eher Menschen, die sich im Schlendermodus befanden, ließen sich so lange aufhalten, dass sich ein zielführendes Gespräch entfalten konnte. Ähnlich verhielt es sich mit Menschen, denen unser Kommen bereits angekündigt war. Hier hatten sich schon vorab Meinungen gebildet und rasch wurde klar, ob mit Worten noch was zu gewinnen ist. Zudem wurde die Eigendynamik von Gruppen spürbar – krempelte einer, krempelten andere hinterher. Der/die Einzelne zeigte sich eher widerständig oder schüchtern. Hätte UMKREMPELN noch längere Zeit vor Ort verbracht, dann wäre das langsame Infiltrieren der Stadt Eberswalde mit einer dadaistischen Idee sicher fortgeschritten. Aber auch mit denjenigen, die keine Lust auf das Wenden hatten, entwickelten sich gute Ge-spräche. Nicht der Krempel-Vollzug war der alleinige Erfolg.
Wie schnell man ein bisschen heimisch wird, hat das AKKU-Team am letzten Tag der Mission im Familiengarten gemerkt. Viele waren unterwegs, auch um für das Bürgerbudget abzustimmen, und immer wieder wurden wir freudig von Menschen gegrüßt, mit denen wir die Tage zuvor im Krempel-Dialog waren. UMKREMPELN bot somit viel GesprächsSTOFF – im ganz direkten Kontakt während der Aktionen und sicherlich auch darüber hinaus innerhalb der Stadtgesellschaft. Mit was hatte man es da eigentlich zu tun? Mit Dada oder Nonsens, einem Spiel oder Manipulation? Widerstreitende Pressestimmen ließen unterschiedliche Hal-tungen schon während der Krempelzeit anklingen.
Mit der spontan erdichteten Genrebezeichnung der „hintersinnigen Albernheit“ während der Aktion haben wir eine Umschreibung gefunden, die vielleicht zu dieser Aktion passt. Möglicherweise ist es nicht immer die reine Vernunft, die Türen zum Neuen öffnet? Wer weiß, was all die temporären neuen Ansichten gebracht haben? Uns AKKUs auf jeden Fall viele spannende Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen.

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Wir danken all denen, die sich vergnügt auf das UMKREMPEL eingelassen haben:
den freiwilligen Feuerwehren Eberswalde und Finow, den Studierenden und dem Präsidenten der Hochschule für nachhaltige Entwicklung, den MitarbeiterInnen des Bürgerbildungs-zentrums Eberswalde, den Damen vom THW, den Kindern der Grundschule Schwärzesee, den American Footballern der Eberswalde Warriors, den Aktiven vom „Hebewerk – Offene Raumkonzepte“, dem Hort im Bürgerbildungszentrum, den Apfelsaftmostern von WANDEL-BAR, den Finower Kanuten, der „Offenen Projektwerkstatt Schöpfwerk“, der Pfandfindergruppe im Exil, dem Küchenteam von Pizza-Point, Sarah Wiener sowie allen Cliquen, Paa-ren, Familien, Kulturakteuren, Punks und mutigen Einzelpersonen!
(I.G.)


Galerie EberswaldeUmkrempeln

58 Bilder in der Galerie
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Es gibt immer was zu ändern – fangen Sie an!
Stellen Sie sich vor: Eine ganze Stadt trägt die Kleidung auf links.
Zuhause, im Büro, in der Bäckerei, beim Arzt, in der Schule – im Alltag, überall! Die Künstlergruppe AKKU – Arbeiten mit Alltag macht Eberswalde einen Vorschlag:
Schauen Sie einmal anders aus der Wäsche!

AKKU sucht umkrempelwillige Bürgerinnen und Bürger: Jacke wie Hose – das Innen muss nach außen!
Offenbaren Sie Ihre versteckten Qualitäten. Verlassen Sie alltägliche Routinen mithilfe eines kleinen Eingriffs. Ziehen Sie Ihre Kleidung auf links! Keine Scheu, Sie sind nicht die Einzigen.

Vom 23. bis 27. September möchte AKKU so viele Menschen wie möglich vom UMKREMPELN überzeugen.
Sie sind in einem Sportverein und möchten das nächste Training umgekrempelt absolvieren? Sie und Ihre Arbeitskolleginnen und -kollegen wollen einen Tag lang umgekrempelt arbeiten? Sie wollen nicht alleine der Innennaht huldigen und suchen Mitumkrempler?
Kontaktieren Sie uns unter: 0163 – 4769674!
AKKU krempelt mit.

Halten Sie Ihren Umkrempelmut auf einem Foto fest und schicken Sie es uns: umkrempeln@akku-netz.de
Beeindruckende Motive werden als Postkarte gedruckt.

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_LATESTUPDATE[|profil.jwagner], 01. Jan 1970 01:00